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Wo ist der Elch?

Von TRAVELIKI-Mitglied Martin Kettler (Reiseblog: norgepalangs2013.com)

Wer beim Begriff Fauna und Flora an den Norden Europas denkt, assoziiert dies mit grösster Wahrscheinlichkeit mit Elch, Rentier, Fisch, Heidelbeeren, sowie Birken und natürlich dem nordischen Fichtentäfer. Und während die Meisten auch Rentiere sehen werden, die heidelbeerblauen Hände nicht mehr sauber kriegen, sitzt der Frust über die verpasste Elchsichtung immer noch tief. Gibt es denn überhaupt Elche in Norwegen?

Doch es wäre sehr schade, den Norden Europas nur auf diese bekannten Arten zu reduzieren, sei es bei Fauna oder bei Flora. Der Artenreichtum ist enorm auf diesen Breitengraden, doch scheint er sich hie und da fast vor dem Menschen zu verstecken und es braucht ein gutes Auge, um seine Vielfalt zu entdecken.

Der grüne Daumen des hohen Nordens

Gerade Norwegen mit seiner grossen Ausdehnung über 3000 Kilometer und mehreren Breitengraden, dem gebirgigen Westen mit der Küste, den Fjorden und dem zu Schweden hin eher hügeligen und flachen Land, hat unzählige Variationen an Vegetation zu bieten. Wer etwas schneller, z.B. mit dem Auto oder Motorrad, durch das Land reist, kann ohne Weiteres vier oder fünf verschiedene Vegetationsstufen in kürzester Zeit erleben.

Während im Süden am Hardangerfjord Hochsommer herrscht, in den Apfelplantagen schon Früchte am Baum hängen, verwandelt sich die Sumpf- und Moorlandschaft Trøndelag in Mittelnorwegen, in ein wahres Blumenmeer. Der hohe Norden hingegen, kämpft noch mit den letzten Überresten eines harten und langen Winters und erst zaghaft zeigen sich erste kleine Blumen an vom Wind geschützten Orten. Der Sommer verschiebt sich nur langsam gegen den Norden und in manchen Jahren, kommt ihm der Herbst zuvor und verschiebt das Blühen und Gedeihen auf nächstes Jahr.

Ein alter Sami hat mir den Jahreszeitenverlauf im hohen Norden einmal so erklärt: Der Winter dauert acht bis neun Monate, für den Frühling und Herbst rechnest du je einen guten Monat und der Sommer? Wenn Du Glück hast, eine Arbeitswoche, von Montag bis Freitag!

Während in den eher tiefen und milder gelegenen Gebieten eine vergleichbare Vegetation wie in Mitteleuropa vorherrscht, ähnelt die Pflanzenwelt ab rund 1000 Höhenmetern unserer alpinen Vegetation auf rund 2000-2500 Höhenmetern.

Nur einmal im Jahr scheint im ganzen Land alles einheitlich zu sein, dann, wenn der Herbst sich über das Land legt. Wenn die Heide- und Erikasträucher blutrot leuchten, Birkengewächse sich goldgelb färben, die vom Herbstwind aufgerauten Seen stahlblau bis fast schwarz erscheinen, der azurblaue und klare Himmel mit schneeweissen Cumuluswolken verziert ist und sich vielleicht sogar die obersten Hügelspitzen mit Schnee angezuckert vorfinden, dann strömen die Menschen zu zehntausenden in das Fjell, um diese unvergleichbare Schönheit zu bestaunen.

Wo ist der Elch?

Norwegen besticht mit einer grandiosen Vielfalt an Tieren, was oft bei der Suche nach dem Elch untergeht. Durch die zum Teil sehr einsamen und menschenleeren Gebiete im Land, sind die Tiere oft sehr scheu und zurückhaltend. Wer Tiere beobachten will, braucht ein gutes Auge und vor allem: Geduld! Rentiere sind sehr schnell in Mengen zu beobachten, hier handelt es sich jedoch meist um domestizierte, also Rentierherden die von Hirten (meist Samen) über- und bewacht werden. Diese sind immer an Einschnitten in den Ohren zu erkennen.

Unterschiedliche Einschnittmarken, die den Kälbern bei der Herdenzuteilung ins Ohr geschnitten werden, lassen den Besitzer erkennen. Die wilden Ren sind deutlich in der Minderheit und nur an ganz entlegenen Orten wie dem Narvikfjell zu beobachten. Wer länger unter oder mit den Ren als Begleiter lebt, wird sie mit der Zeit unweigerlich ins Herz schliessen. Ihr enormer Kampf zwischen grosser Scheu und ihrer unbändigen Neugier, lässt die Tiere oft richtiggehend in ihrer Gefühlswelt zerreissen. Sind sie sich an die Person/en gewöhnt und vermuten sie keine Gefahr, so kann eine grössere Ansammlung Ren schon mal viele Kilometer, mit etwas Sicherheitsdistanz, mitlaufen. Ein sehr eindrückliches Erlebnis.

Richtig wilde Tiere?

Wer sich in die entlegeneren Gebiete begibt, stösst auch ins Revier der Tiere mit etwas angsteinflössendem Ruf vor. Du wirst diese allerdings mit grosser Sicherheit nicht zu Gesicht bekommen, sondern höchstens ihre Spuren entdecken. Der skandinavische Braunbär, der in einigen Gebieten Mittel- und Nordnorwegens heimisch ist, gilt nicht nur als der kleinste, sondern auch der mit Abstand scheuste Bär der Welt. Selbst eingefleischte, erfahrene Jäger berichten selten von Bär- und Wolfssichtungen.

Aber man sollte sich an gewisse Regeln halten! So ist es nicht empfehlenswert, z.B. in Mittelnorwegen im Gebiet um Snåsa, in Nordnorwegen im Dividalen National Park oder im an Norwegen angrenzenden schwedischen Padjelanta National Park mit einer halb verpackten, stark riechenden Salami das Zeltlager zu beziehen. Besuch ist möglich!

Wer auf Löcher in der Erde stösst, ähnlich jener der Murmeltiere, und vielleicht sogar ein lautes Pfeifen vernommen hat, tut ein Gutes, sein Zelt nicht gerade dort in der Nähe aufzustellen. Der wenig bekannte Vielfrass, ein etwa Schäferhund grosses Nagetier, mit einem furchterregenden Gebiss, kann ein übler Nachbar werden. Dieser Nager verteidigt sein Revier mit Vehemenz und kann dem Menschen durchaus ernsthafte Verletzungen zuführen. Aber auch hier gilt: es ist ein Wildtier, äusserst scheu und hat keinerlei Interesse am Menschen, ausser es sieht sich in Gefahr!

Wer einen Abstecher ins Dovrefjell in Mittelnorwegen macht, wird mit etwas Glück auf einen sehr altertümlichen Genossen treffen, den Musk Ox. Der Moschusochse, der fälschlicherweise wegen seiner Grösse, den imposanten Hörnern und auch wegen des Namens oft Ochsen zugeordnet wird, ist biologisch gesehen eine Ziegenart! Ein imposantes Tier, dass allerdings nur aus der Ferne beobachtet werden sollte, da es ein sehr aggressives Verhalten an den Tag legt. Schon manch ein Fotograf, der die Nähe suchte, wurde von einer Attacke überrascht, da er das Tier fälschlicherweise als gutmütig und zottelig eingeschätzt hat.

Petri Heil im hohen Norden

Dass man im Fjell nur eine Schnur, einen Haken und einen abgebrochenen Ast zum Angeln braucht… stimmt! In den meisten Fällen auf jeden Fall. Sehr schnell hängt eine Braunforelle am Hacken und wer genug Tempo und Geschick an den Tag legt, wird sogar von blosser Hand einen Lachs ergattern. Daher zieht es jedes Jahr viele Fischer in den Norden, um ihr Anglerglück zu versuchen und es werden Jahr für Jahr mehr. Aber mittlerweile tut man gut daran, sich von Provinz zu Provinz zu informieren, ob es eine Anglerkarte braucht oder ob das Angeln sogar verboten ist.

Wer Freude an der Sichtung von Meeressäugern hat, der kann sich einer der vielen Whale-Watching Touren anschliessen, um Finnwale, Buckelwale oder Orcas zu sehen. Hier sind die Lofoten- und Versterålen-Inseln prädestiniert, aber oft auch sehr überlaufen.

Norwegen aus der Vogelperspektive

Die Vielfalt der Vogelwelt in Nordeuropa gehört wohl zu den faszinierendsten überhaupt. Zu beobachten ist zum Beispiel der kleine, unscheinbare Goldregenpfeiffer, der das Fjell mit seinem fast wehleidigen Ruf Tag für Tag beschallt, oder die Rype (Schneehuhn) die am Boden kaum sichtbar einen schreienden Alarmstart produziert, bei welchem oft das Herz des Wanderers vor Schreck stehen bleibt. Es gibt Unmengen von Habichten, Bussarden, Stein- und Fischadlern, die auf der Suche nach ihrer Beute stundenlang am Himmel kreisen. Wer Glück hat, kann auch den Beutefang einer grossen Schneeeule beobachten. Der nordische Himmel lebt, in einer ungeheuren Vielfalt und bietet eine wunderschöne Arena für Vogelfreunde aus der ganzen Welt.

Ein grosses Spektakel, bieten ausserdem die den Lofoten vorgelagerten Inseln Værøy und Røst, mit ihren zig tausenden Papageientauchern und ihren faszinierenden Flugkünsten, den tausenden Tölpeln und verschiedenartigsten Möven.

Und eben… wo ist jetzt der Elch?

Ja es gibt ihn tatsächlich! Kleiner Tipp zum Schluss: Dämmerung, an Gewässern, Stille und Geduld, Geduld, Geduld!

 

Von TRAVELIKI-Mitglied Martin Kettler (Reiseblog: norgepalangs2013.com)

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