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MUSTANG, EINE REISE INS VERBOTENE KÖNIGREICH LO

„Mustang“ assoziieren viele mit wilden Pferden oder schnellen Autos. Die Wenigsten, auch Weitgereiste, bringen damit ein kleines, ehemaliges Königreich in Nepal, tief im Himalaya in Verbindung. Die geografische Ausdehnung des ehemaligen Königreiches Lo entspricht den oberen zwei Dritteln (Upper Mustang) des heutigen Distrikts Mustang. Als grenzüberschreitendes Rückzugsgebiet der Khampas, tibetischer Widerstandskämpfer, war dieses Gebiet lange Jahre für Ausländer verboten. Vielleicht hat sich auch deswegen eine einzigartige, tibetisch geprägte Kultur erhalten. Die Einwohner nennen ihr Land „Lo“, was so viel heißt wie ‚südliche Ebene’. Sich selber bezeichnen sie als „Lopas“. Für den heutigen Namen „Mustang“ finde ich übrigens keine ErkläLÄNDER: NEPAL MUSTANG, EINE REISE INS VERBOTENE KÖNIGREICH LO LÄNDER: NEPAL rung. Die Annahme, dass es sich um eine ungenaue oder auch schlampige Transkription von „Lo Manthang“ (der Hauptstadt) handelt, erscheint mir jedoch plausibel. Anreise und beste Reisezeit Der Ausgangspunkt für den Besuch von Upper Mustang ist die Ortschaft Kagbeni. Die Anreise führt von Kathmandu mit Bus oder Flugzeug nach Pokhara am malerischen Phewa See. Mit einem wetterabhängigen Sichtflug nach Jomsom (2.770 m) kann man bereits am nächsten Tag in Kagbeni (2.804 m) sein. Wir machen diese Strecke von Jomsom nach Kagbeni jedoch in vier Tagen mit einem Mix aus local Bus und Fussmarsch. Nach dieser viertägigen Wanderung das Kali Gandaki Tal hinauf, zwischen dem Annpurna-Massiv östlich und dem DhaulagirirMassiv westlich des Tals, kommen wir gut akklimatisiert in TRAVELIKI.COM | #2 - 12/2021 | SEITE 28 Kagbeni an. Wer fliegt, sollte zur Höhenanpassung einen Abstecher nach Muktinath erwägen. Klimatisch befinden wir uns bereits im Monsunschatten. Das erlaubt auch Reisezeiten im Sommer. Wobei für die Anreise aus Kathmandu Beeinträchtigungen durch den Sommermonsun zu beachten sind. Das gilt insbesondere für die Sichtflüge nach Jomsom, aber auch Straßen können durch Erdrutsche kurzfristig unpassierbar sein. Die Winter sind kalt, fünf Monate liegt Schnee, sodass immer mehr Lopas es vorziehen, im Süden Nepals oder auch in Indien zu überwintern. Als beste Reisezeit empfehle ich jedoch die Monate März/April, sowie September/Oktober. Zu Fuss in faszinierenden Extremen Dort, jenseits des Himalaya-Hauptkammes verzaubert uns eine Mischung aus arider Hochgebirgswüste und grünen Oasen. Tiefe Canyons wechseln mit bizarren Felsformationen. Blühende Buchweizenfelder setzen reizvolle Kontraste zu vielfarbigen Erosionslandschaften. Achtzehn Tage sind wir mit dem Rucksack zu Fuß in dieser einzigartigen Welt unterwegs. Unser Weg führt durch die tiefste Durchbruchschlucht der Welt, das Kali Gandaki Tal, welches den Himalaya-Hauptkamm zwischen Dhaulagiri und Annapurna (beides 8000er) durchbricht, und über mehr als 4300 m hohe Pässe hinauf nach Lo Manthang (3.840 m), der Hauptstadt des früheren Königreiches Lo, nahe der Grenze zu Tibet. „Tashi Delek“ ruft uns ein entgegenkommender Reiter eines struppigen Ponys zu. „Glück und Segen“ bedeutet der tibetische Gruß. Auf staubigen Pfaden, Spuren eines alten Salzweges von Tibet nach Indien, erwandern wir uns das ehemalige Königreich. Chörten, buddhistische Sakralbauten, haben mit ihren ausladenden Dächern eine ganz eigene Charakteristik. Uralte Gompas (Klöster) bergen Kunstschätze, tibetische Gebetsfahnen wehen allerorten. Wir machen einen Abstecher zum Ranchung Cave, welches als eines der wichtigsten Höhlenheiligtümer in Mustang gilt. Hier soll Padmasambhava, der hoch verehrte Guru Rinpoche und Begründer des tibetischen Buddhismus, meditiert haben. Dafür verlassen wir den Hauptweg und steigen über einen halsbrecherischen Pfad in einen tief eingeschnittenen Canyon ab. Nach einem Felsdurchschlupf führt uns ein Pfad zur Meditationshöhle. Blutige Sagen und Mythen Bei Ghemi finden wir die längste Mani-Mauer Nepals. ManiSteine sind Steintafeln, in denen Gebete, Mantras, graviert oder gehauen sind. Um die Entstehung dieser Mani-Mauer rankt sich, wie so oft, eine Legende, die tief im religiösen Bewusstsein der Menschen verankert ist. Guru Rinpoche, soll hier mit einem Dämon um die Errichtung eines Klosters gerungen haben. In einem blutigen Kampf hat er, der Überlieferung zufolge, den bösen Geist besiegt, ihm die Eingeweide herausgerissen und sein Herz davongeschleudert. Dort, wo dieses gefunden wurde, steht heute das in der Legende errungene Kloster Ghar Gompa in Lo Gekar. Das Blut hat nach der Legende die umliegenden Felsen bis nach Dhakmar rot gefärbt und aus dem Darm des Dämons soll die TRAVELIKI.COM | #2 - 12/2021 | SEITE 29 LÄNDER: NEPAL Infobox Reiseinformationen Zur Einreise nach Nepal ist ein Visum erforderlich. Entweder bei der Botschaft bzw. den Konsulaten erhältlich, oder „on Arrival“. Aktuell (Stand Ende November '21) ist ein PCR Test sowohl für die Ein- als auch für die Ausreise erforderlich (nicht älter als 72 Std.). Zusätzlich ist vor Abflug online ein sog. CCMC-Formular auszufüllen und der damit generierten Barcode bei Check-in als Ausdruck oder Screenshot vorzuweisen. Für ungeimpfte gelten weitere Auflagen wie z.B. 10 Tage Quarantäne. Zu den Bildern: Titelbild: Unterwegs, Blick nach Süden zum Himalaya Hauptkamm. - Bild 2: Blick ins Kali Gandaki Tal, das Tal der Schwarzen Göttin Kali, oberhalb Chele, erster Tag in Upper Mustang - Bild 3: Längste ManiMauer Nepals, ca. 400 m. Nach der Legende der „Darm des Dämonen“ - Bild 4: „Blutrote Felsen“ nahe Dhakmar - Bild 5: Chörten nahe Tsarang, markiert den Eingang zum Ort - Bild 6: Teilstrecke mit dem local Bus im Kali Gandaki Tal - Bild 7: Canyon und Hängebrücke nach Ghyakar - Bild 8: Das Dorf Ghyakar mit blühenden Buchweizenfeldern - Bild 9: Chörten unterwegs. Diese buddhistischen Sakralbauten bergen oft Reliquien oder die Asche hoher Lamas - Bild 10: Kloster und Tempel (Gompa) in Tsarang - Bild 11: Mönch in Tsarang TRAVELIKI.COM | #2 - 12/2021 | SEITE 30 LÄNDER: NEPAL lange Manimauer entstanden sein. Etliche große Chörten zu Ehren Padmasambhavas stehen in der Nähe und scheinen der Verwitterung preisgegeben zu sein. Es ist eine fast unwirkliche Szenerie. Angekommen in der von Mauern umschlossene Hauptstadt Lo Manthang erleben wir bleibende Eindrücke der mystischen Klöster der Sakya Schule, spirituellen Orte und Begegnungen mit liebenswürdigen Menschen. Viel zu schnell verging das enge zehntägige Zeitfenster des Permits. Wir beendeten die Reise inspiriert von dem, was wir gesehen hatten und mit dem Gefühl wiederkommen zu wollen, um das Erlebte zu ergänzen und zu vertiefen.