teilen

Ist Reisen Schule genug? Als Selbstlerner zum Abi.

Text: Yvonne Hartmann
Bilder: Gabi und Gunter Reichert (Reiseblog: 5reicherts.com)

Seit über 20 Jahren reist ihr mit euren Kindern. Wie kam das alles?

Wir sind schon immer viel gereist. In unseren jungen Jahren waren wir oft in den USA unterwegs, mal mit dem Zelt, mal übernachteten wir in Motels. Aber immer war die Fotografie in unserem Fokus. Dann kamen nach und nach unsere drei Kids und wir legten eine Reisepause ein.

Ab dem Jahr 2000, als unsere Kinder noch im Vorschulalter waren, unternahmen wir mit ihnen mehrere dreimonatige Reisen. Wir besuchten als Einstieg die USA und Kanada zum ersten mal mit einem Wohnmobil. Die ideale Reiseart für Familien. Dann im Jahr darauf ging es für drei Monate nach Neuseeland und in die Südsee. Wir merkten schnell, dass wir ohne Reisen nicht glücklich sind und dass das Reisen auch mit drei kleinen Kindern ganz wunderbar klappt und wir uns alle wohlfühlen.

Dann kam die Schulzeit, in der wir uns auf die Ferien beschränken mussten. Zum Glück hatte Gunter mit seinem Arbeitgeber ausgehandelt, die kompletten Sommerferien Urlaub zu nehmen, das war ein kleines Trostpflaster, aber kein Ersatz für Langzeitreisen.

Im Jahr 2009 folgte eine sechsmonatige Auszeit, in der wir Schweden, Norwegen, Großbritannien und Frankreich bereisten. Wir nahmen dafür unsere drei Kinder, die damals
11, 13 und 15 Jahre alt waren, aus der Schule und Gunter hat unbezahlten Urlaub genommen. Die Kids waren zu dieser Zeit von der Schule bereits sehr gestesst. Dass es ihnen auf Reisen wesentlich besser ging, war nicht zu übersehen. Diese sechs Monate zeigten uns, wie schön das Leben sein kann. Wir wollten mehr davon.

Aus dieser 6monatigen Auszeit seid ihr nicht mehr ins sesshafte Leben zurückgekehrt. Was passierte während dieser Auszeit mit euch, dass es zu diesem Entscheid kam?

Die Auszeit hatte uns gezeigt, dass dies für unsere Familie das richtige Konzept ist: Reisen und Arbeiten bzw. Selbstlernen miteinander verbinden, dabei intensiv Zeit zusammen verbringen und maximal selbstbestimmt leben. Das Lachen der Kinder, die intensiven Zeiten, die sie mit dem Lesen von Büchern verbrachten und die interessierten Fragen über die Welt, die vielen Begegnungen mit interessanten Leuten: ja, so lebendig wollten wir sein. Seit 2010 waren und sind wir deshalb jedes Jahr ungefähr die Hälfte der Zeit mit dem Camper unterwegs, grösstenteils in Europa.

Wie funktioniert Selbstlernen in der Praxis? Übernehmen dabei die Eltern die Rolle von Lehrern?

Wir haben unsere Kinder in Sachen Benimm- und Höflichkeitsregeln erzogen, ihnen jedoch keinerlei Vorschriften darüber gemacht, welches Wissen sie sich darüber hinaus aneignen sollen. Die ersten Wochen und Monate lief es dann auch so, wie man spontan vermutet: die Kinder haben keinerlei Interesse an klassischem Schulwissen gezeigt. Wer schaut schon freiwillig in ein langweiliges Schulbuch. Die Kids suchten sich selbst spannende Bücher in used Book Shops, ein paar fanden wir Eltern in Leselisten für Freilerner. Aber alles lief ohne Zwang.

Wir ließen sie einfach machen und haben nicht eingegriffen. Nach einiger Zeit kam dann der akademische Wissenshunger von Kindern wieder zum Vorschein und sie haben sich komplett autodidaktisch in verschiedenste Themen eingearbeitet, die sie besonders interessierten. Das ganze Wissen ist ja tagtäglich um uns herum und dank Informationszeitalter sehr einfach zugänglich. Es gibt ja auch keine Schulfächer für die Bedienung von Handys, für bestimmte Videogames oder für Modellbau und trotzdem lernen die Kinder dies alles wie von alleine. Wenn man an die Kleinkinderzeiten denkt: Lernen ist das natürlichste der Welt. Jeder von uns hat gelernt zu laufen, mit Messer und Gabel zu essen, die Muttersprache zu sprechen. Wenn wir uns nicht einmischen würden ginge es wahrscheinlich mit Lesen und Schreiben und Rechnen genauso spielerisch und unkompliziert weiter.

Fehlten den Kindern Klassenkameraden?

Wir haben beim Reisen oft ganz bewusst Treffen mit Familien mit anderen Kindern geplant. Aber ja natürlich, unsere Kinder waren grösstenteils mit anderen Erwachsenen zusammen. Was übrigens auch dem normalen Mengenverhältnis einer Gesellschaft entspricht.

Und sind wir mal ehrlich – diese Klassenverbände sind auch nicht unbedingt erstrebenswert. Wenn man 100 Erwachsene fragt, antworten wahrscheinlich 95 davon, dass sie unter der Schulklassen-Dynamik gelitten haben. Als Freilerner fällt dies komplett weg.

Heute können wir unsere drei erwachsenen Kinder selber fragen. Alle drei haben keine Schulkollegen vermisst, jedoch unterwegs unzählige, auch langjährige Freundschaften geschlossen. Ihre Sozialkompetenz und Fähigkeiten, auch unter Druck zu funktionieren, sind überdurchschnittlich hoch.

Wie läuft eine Pubertät ab, wenn man als Familie 24/7 zusammen ist?

Das, was in unserer Gesellschaft als normal gilt, nämlich dass sich die Jugendlichen von den Eltern distanzieren und gegen Regeln rebellieren, ist in unseren Augen nur ein Resultat davon, dass die Kinder bis zur Pubertät durch das Schulsystem gepresst werden, ihnen vorgeschrieben wird, wann sie was lernen sollen, speziell von den Eltern kommt oft der meiste Druck. Die Teenager wollen endlich einmal selbst das Sagen über ihr eigenes Leben haben.

Behandelt man seine Kindern als vollwertige Familienmitglieder, respektiert ihre Meinung und lässt ihnen die Freiheit, ihr Leben, und natürlich die Fächer und die Lernintensität selber zu bestimmen, gibt es mit 15 nichts freizukämpfen.

Wie war es für eure Kinder möglich, mit 19 das Abi zu machen, ohne zur Schule gegangen zu sein?

Bei allen dreien entstand irgendwann der Wunsch zu studieren. Dafür benötigten sie natürlich das Abitur, für welches sie sich selber angemeldet haben und sich dafür
intensiv im Selbststudium vorbereitet haben.

Wenn man sich selbst entscheidet das Abitur zu machen, greift man auch zu einem langweiligen Mathebuch und arbeitet es von Anfang bis Ende durch. Der entscheidende Unterschied zur Schule: du machst das selbstbestimmt. Eben weil du es willst und brauchst.

Mathe funktioniert selbst als Leistungsfach und ohne Vorkenntnisse oder Begabung, wie bei unserer jüngsten Tochter, weil die Konzentration auf das Thema da ist. Bleibt
man mal an einem Fach intensiv dran, anstelle sich dieses über Jahre in 45-Minuten Einheiten zerstückelt anzueignen, hat man den Stoff in relativ kurzer Zeit erarbeitet und erkennt viel besser die Zusammenhänge.

Alle drei haben sich jeweils zwischen acht bis zwölf Monate intensiv Zeit genommen, sich selbst auf das Abi vorzubereiten und die Prüfungen auf Anhieb geschafft.

Für das Selbstbewusstsein gar nicht schlecht, so etwas Großes alleine bewältigt zu haben. Wir möchten aber nichts schönreden: das Unternehmen Abitur als Selbstlerner ist sehr anstrengend, weil man keine Vergleiche mit anderen Schülern hat, die Lehrer und den Lehrplan nicht kennt und nicht weiß, was bei der Prüfung auf einen zukommt.

Was machen eure Kinder heute?

Esra, Noah und Amy sind heute 27, 25 und 23 Jahre alt. Alle drei haben im Selbststudium das Abi gemacht, weil sie studieren wollten. Alle drei sind heute an der Uni eingeschrieben. Esra ist gerade in Kalifornien und beendet dort sein Master Studium in Geographie. Noah sitzt gerade an seiner Bachelor-Arbeit in Kulturanthropologie und Philosophie und Amy bereitet sich mit Hilfe des Studiums der Amerikanistik und Filmwissenschaften auf ihren Wunschberuf Hörbuch- und Synchronsprecherin vor.

Wir als Familie bereuen dieses eher anstrengende Konzept als Freilerner zu leben überhaupt nicht. Einziger Wermutstropfen: wir hätten gerne früher damit anfangen sollen.

Text: Yvonne Hartmann
Bilder: Gabi und Gunter Reichert (Reiseblog: 5reicherts.com)
E-Mail: gabi@5reicherts.com