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Finnland im Herbst: Eine Explosion der Farben

Von TRAVELIKI-Mitglied Tarja Prüss (Reiseblog: tarjasblog.de)

Finnland hat vier bis acht Jahreszeiten, je nachdem, ob man Vor- und Nachwinter, Weihnachten und Ruska als eigene Jahreszeiten betrachten will. Ähnlich, wie die Nordamerikaner den farbenprächtigen Herbst „indian summer“ nennen, haben auch die Finnen dafür ein eigenes Wort: Ruska. Denn Ruska ist die Zeit der Farbenexplosion. Eine kurze, aber beeindruckende Phase, wenn die Natur sich noch einmal ihren schönsten Mantel umwirft und verschwenderisch mit Farben um sich wirft.

 

Herbst als Zeit des Übergangs

Den Herbst erkennt man allerspätestens daran, dass die Finnen ihre Boote aus dem Wasser holen und darüber nachdenken, ob sie die Skier schon hervorholen sollen. Es ist der Übergang in eine stillere Zeit. Gelegenheit, um einen Schritt zurückzutreten und zur inneren Ruhe zu finden: Etwa mit gemütlichen Abenden zuhause. Wenn der Ofen das erste Mal angezündet wird und man sich gemütlich unter eine Decke kuschelt, um im neuen Buch zu schmökern. Die Färbung der Herbstblätter verbirgt jedoch auch eine Botschaft. Für die Finnen ist es auch ein melancholischer Abschiedsgruß an den kurzen, aber intensiven Sommer, als die Mitternachtssonne nicht unterging.

Für die Finnen, die die Köstlichkeiten der Natur zu schätzen wissen, beginnt damit auch der nächste Abschnitt der Waldernte. Nach den Blau- und den Preiselbeeren kommen nun die Pilze. Vielerorts schießen die Pfifferlinge und Steinpilze nur so aus dem Boden. Durch das Jedermannsrecht ist es Jedem erlaubt, die wild wachsenden Delikatessen zu sammeln, ja alles zu pflücken, was Herz und Mund begehren. Die Moltebeere etwa, die nur in den nordischen Ländern wächst. Dem Aussehen nach wie orangefarbene Himbeeren, nur säuerlicher im Geschmack und voller Vitamin C.

Ruska in Finnland: im Rausch der Farben

Lappland ist die letzte Wildnis Europas. Seine karge, bezaubernde Naturlandschaft hat einen unwiderstehlichen Charme, und der dramatische Wechsel der Jahreszeiten ist auf der Nordseite des Polarkreises deutlicher zu spüren als anderswo. Jetzt im Herbst zeigt das Thermometer noch Plusgrade an, auch wenn sich morgens schon erste Nebelschwaden auf dem still da liegenden See zeigen. Auf den weichen Teppichen aus Flechten und Moosen lässt sich bereits leichter Raureif ausmachen. Und die Vögel wirken auch stiller als sonst. Als würde sich alles in der Natur auf den Winter vorbereiten.

Ruska ist genau die richtige Zeit, um in den Wald zu gehen. Der Urho Kekkonen National Park in Lappland ist mit einer Fläche von 2.550 Quadratkilometer der zweitgrößte Nationalpark Finnlands und bietet unterschiedliche Wanderrouten durch mächtige Fjälls und bewaldete Gebiete. Hier gibt es eine große Zahl an markierten Wanderwegen für unerfahrene Wanderer und abgelegene Gebiete für längere und anspruchsvollere Wanderungen. Oder man wählt den Oulanka Nationalpark im Nordosten Finnlands. Hier schillern und schimmern die Blätter um die Wette, sattgelb, orange und dunkelrot. Und die Blätter, die sich schon von ihren Ästen verabschiedet und zu Boden gesunken sind, rascheln leise unter den Füßen. Der Boden mit all den Moosen, Heiden und Blaubeerbüschen färbt sich in ein satten roten Teppich und die stillen Seen verdoppeln all die Farben des Herbstes zu einem wahren Farbenrausch. Der Park ist 270 Quadratkilometer groß und grenzt im Osten direkt an Russland. Er entführt in eine längst vergangene Zeit, als die sich zurückziehenden Gletscher eine einzigartige Landschaft schufen. Die Vielfalt an Pflanzen ist ungewöhnlich: Farne, seltene Orchideen, Moose und Flechten überziehen die zurückgelassenen Findlinge.

Stromschnellen und spektakuläre Selfies garantiert

Je näher man dem Fluss kommt, desto stärker spürt man den Herzschlag des Parks: die Stromschnellen. Zwischen schmalen Felswänden aus Quarzit und Dolomit stürzt der sonst ruhige Oulanjoki 14 Meter tief, auf insgesamt 600 Metern Länge, rauscht durch die Schlucht und in den Ohren. Über die Zeit hinweg hat die Macht des Wassers die Felsen glatt geschliffen. Von den Klippen aus breitet sich ein großartiges Panorama über die gesamte Flusslandschaft aus. Ein guter Platz für alle, die auf spektakuläre Selfies stehen.

Der Oulanka Nationalpark ist aber nicht nur für seinen Wasserfall berühmt, sondern auch für seine Bärenrunde. Ein 82 Kilometer langer Waldweg, den man gut in einer Woche schaffen kann. Für Übernachtungen stehen kostenlose Wildmarkhütten bereit. Aber auch auf der kleinen Bärenrunde (12 Kilometer) bekommt man viel zu sehen, wandert über Hängebrücken, verschlungene Trampelpfade und Holzbohlen durch den geheimnisvollen und endlos scheinenden Wald. Außer vielleicht Bären, denn die sind selten und scheuen die Begegnung mit den Menschen. Dafür bekommt man mit etwas Glück Rentiere zu sehen und die unterschiedlichsten Vögel.

Die Zugvögel machen sich jetzt langsam auf den Weg in Richtung Süden. In der Stille hört man den hundertfachen Flügelschlag von Schwänen oder Schwalben, wenn sie in Formationen schwarmartig über einen hinweg fliegen auf dem Weg in wärmere Winterquartiere in Afrika. Andere werden den ganzen Winter bleiben. Wie der Unglückshäher, der in Finnland einen freundlicheren Namen trägt. Kuukkeli wird er dort genannt, was so viel wie Mondlein bedeutet. Auf samisch heißt er kuovso, was Morgenröte bedeutet. Passend zu seinem rostroten Federkleid, das der Flugakrobate vor allem bei seinen künstlerischen Flugbewegungen zeigt. Ein neugieriger und furchtloser Vogel, der sich gerne bei den offenen Feuerstellen aufhält, um den ein oder anderen Leckerbissen zu ergattern. Die legt er dann in den Bäumen als Vorräte für den nahenden Winter an. Unglückshäher sind übrigens ausgesprochen monogam; Paare bleiben ein Leben lang zusammen.

Die doppelte Aurora – Ein herbstliches Phänomen

Obwohl viele Menschen bei Nordlichtern an kalte und verschneite Winterlandschaften denken, ist der Herbst tatsächlich eine der aktivsten Jahreszeiten für dieses faszinierende Himmelsspektakel: Die Nordlichter – oder Aurora Borealis, wie die Experten sagen. Die Erscheinung des Nordlichts in den Herbstmonaten ist besonders spektakulär, denn mit eine wenig Glück und einer guten Portion Geduld erwischt man eine wunderschöne Doppel-Aurora – also Nordlichter, die sich in einem See spiegeln.

Von TRAVELIKI-Mitglied Tarja Prüss (Reiseblog: tarjasblog.de)

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