teilen

Fernwandern in Norwegen

Von TRAVELIKI-Mitglied Martin Kettler (Reiseblog: norgepalangs2013.com)

Ich nehme meinen kleinen, silbernen Schlüssel des DNT (norwegischer Wanderverein) aus der Tasche, stecke ihn in das grosse Messingschloss und öffne die Türe zur Hütte im Dividalen Nationalpark im hohen Norden Norwegens. Der Schlüssel, den ich als Mitglied des Vereins für eine kleine Gebühr erhalten habe, passt zu über 550 Hütten im ganzen Land.

Ein Hüttenstandort besteht immer aus mindestens zwei Hütten. Einer grossen Haupthütte und einer kleineren, sogenannten «Sicherungshütte» die aus Sicherheitsgründen am selben Standort sein muss. Wenn eine Hütte abbrennt (was ich schon erlebt habe), dann ist zumindest noch eine da, um Schutz vor dem Wetter zu bieten.

Ich habe mich heute für die kleinere, die Sicherungshütte entschieden. Diese gehören noch zur früheren Generation der DNT Wanderhütten. Sie sind klein und niedlich und haben viel Flair. Heute werden natürlich wesentlich grössere Hütten mit Kapazitäten bis zu 30 Betten gebaut. Der Ausbaustandard der Küchen, Schlaf- und Aufenthaltsräumen ist enorm hoch und erinnern an einen IKEA Ausstellungsraum. Beide Hütten-Arten haben seinen Reiz und wichtig ist ja, dass man sich nach vielen Stunden im Fjell effektiv für die nächste Etappe erholen kann.

 

Ich reserviere mir ein Bett, feuere etwas den Holzofen ein, um mich aufzuwärmen und setze mir eine Kanne Kaffee auf den Gasofen. Werde ich heute alleine in der Hütte bleiben oder kommen vielleicht doch noch andere Wanderer? Diese Frage stellt sich auf Hüttentouren Tag für Tag und da es im Sommer 24 Stunden hell ist, kann sich diese auch erst spät in der «Nacht» klären. Die Nachtruhe muss zu dieser Jahreszeit sehr grosszügig interpretiert werden, da gerade die Norweger oft erst um 22.00 oder 23.00 eintrudeln und dann zuerst mal die Küche in Beschlag nehmen. Doch wer den ganzen Tag gewandert ist, an der frischen Luft draussen war, den wird die Müdigkeit schon vereinnahmen!

Nach dem Nachtessen, das ich in der gut ausgerüsteten Küche gekocht habe, setze ich mich noch eine Weile vor die Hütte und geniesse die Aussicht auf das weit unter mir liegende Anjavastal. Die knapp fünfzehn gewanderten Kilometer heute waren eine mittellange Etappe, hatten aber eine grosse Steigung am Schluss. Ich bin entsprechend müde und lege mich in mein Bett, welches mit nordischen Duvets ausgerüstet ist. So brauche ich nur einen dünnen Hüttenschlafsack aus Seide.

Am nächsten Morgen verraten mir die Wanderstöcke bei der zweiten Hütte, dass da doch noch jemand zu später Stunde gekommen ist. Nach dem Frühstück räume ich die Hütte auf, hole draussen etwas Feuerholz und fülle die Wassereimer am nahegelegenen kleinen Bach. Gut möglich, dass der nächste Gast bei miserablen Wetterverhältnissen in die Hütte kommt und kaum Lust hat, nochmals rauszugehen, Wasser zu holen oder Brennholz zu spalten. Ehrensache!

Natürlich habe ich mich in das Hüttenbuch eingetragen, mit Name, Adresse und Besuchsnummer und einem Hinweis, wohin mich mein Weg am nächsten Tag hinführt. Falls jemand vermisst wird, hat die Rettung so zumindest ein Indiz, in welcher Region sich jemand aufhalten könnte. Die Übernachtung bezahle ich dann von zu Hause aus online, aber ich könnte hier auch eine Kreditkartenbevollmächtigung ausfüllen, welche der Hüttenwart regelmässig abholt.

Mein Weiterweg führt mich nun 24 Kilometer zu einer ebensolchen, aber moderneren Hütte, der Dærtahütte

 

Fernwandern – ein absoluter Trend

Das Fernwandern hat sich in den letzten 20 Jahren deutlich verändert und ist sehr populär geworden. Die Vorstellung, den Rucksack auf den Rücken zu nehmen und einfach der Nase nach zu gehen, bis man entweder ein Ziel erreicht hat, oder schlicht das gesetzte Zeitfenster zu Ende geht, fasziniert mittlerweile sämtliche Bevölkerungsschichten. Sicherlich hat im deutschen Sprachraum auch Hape Kerkelings «Couchpotato-Outing» (Ich bin dann mal weg) mitgeholfen, dass sich Menschen plötzlich dafür interessieren, nicht nur ein oder zwei Tage mit Rucksack unterwegs zu sein, sondern vielleicht mal eine Woche, einen Monat oder sogar noch länger. Und dies möglichst autark, mit Zelt und Schlafsack, ab und zu mal in einer Herberge und im Rucksack nur das absolute Minimum, was man zum Leben braucht. Viele haben sich in den letzten Jahren diesen Traum von der Auszeit in der Natur erfüllt, haben sich auf Pilgerwege gemacht, sind quer durch Europa gelaufen oder haben sich gleich an die 5000 Kilometer (Pacific Crest Trail) durch ganz Amerika gewagt.

Doch was heisst Fernwandern? Eine klare Definition gibt es nicht, jedoch sind damit tendenziell längere Wanderungen (mehrere Tage oder länger) gemeint und eher solche, die von A nach B führen (keine Rundwanderungen). Natürlich muss es nicht gerade eine Kontinents- oder Länderdurchquerung sein, muss es nicht zwei, drei Monate dauern. Fernwandern hat keine Bedienungsanleitung, Fernwandern ist einzig und allein der Fantasie des Menschen unterworfen.

Fernwandern kann man überall und ist sofort (falls man sich die Zeit nehmen will) durchführbar! Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, mit einem gepackten Rucksack zu deiner Haustüre rauszugehen, einfach draufloszulaufen, keine Ahnung wohin dass es geht, nur begrenzt durch den Zeitrahmen von z.B. einer oder zwei Wochen? «Wie weit geht es? Wohin komme ich? Was erlebe ich alles?» Viele spannende Fragen, die Tag für Tag zu einem Teil beantwortet werden können, wenn man sich denn auf den Weg macht.

 

Norwegen als Wanderparadies

Zugegeben, hochsommerliche Temperaturen wird es nicht unbedingt geben, es hat im Sommer auch nervige Mücken und ab und zu verlangt die Natur alles an Energie ab, um das Ziel zu erreichen! Doch kaum ein anderes Land bietet dermassen viel Freiheit für das Wanderherz. Egal ob man lieber flach durch unendliche Fjells wandern möchte, lieber alpine Routen an der Südwestküste wählt, sich lieber in den grossen Nationalparks in die Gesellschaft von anderen Wanderern begeben möchte oder einen die absolute Einsamkeit in der Finnmark reizt, Norwegen hat alles zu bieten!

Selbst Anfänger und Fernwander-Schnupperer, können in einer Hardangervidda oder dem Rondane Nationalpark nicht viel falsch machen und erste Erfahrungen sammeln. Unterstützung bekommt man hier durch den norwegischen Wanderverein DNT (Den Norske Turistforening) auf viele Arten. Dieser Verein bietet geführte Touren an, hat auf seiner Internetseite sehr viele wertvolle Informationen zum Fjellwandern und stellt hervorragende Planungstools zur Verfügung. Das wohl bekannteste Tool ist eine Onlinekarte, auf welcher praktisch alle Wanderwege inkl. Zeitangaben, Hüttenstandorte inklusive dazugehörigen Hütteninfos vorhanden sind und zusätzlich auch private Unterkünfte und Hinweise zum öffentlichen Verkehr beigefügt wurden.

 

Das norwegische Hüttensystem

Als Mitglied des DNT hat man die Möglichkeit, einen kleinen Schlüssel gegen eine kleine Gebühr für den Zugang zu den über 550 Hütten zu erhalten. Das Hüttensystem ist sehr gut ausgebaut und zum Teil bis in die hintersten Winkel des Landes vorhanden. Bewirtete Hütten: Diese Hütten sind meist schon richtige Herbergen oder sogar einfachere Fjellhotels. Sie werden während der Hochsaison bewirtet und sind bestens ausgerüstet mit Restaurant, kleinen Läden und sonstiger Infrastruktur. Während der Nebensaison ist oft keine Bewirtung mehr vorhanden, dann werden diese Hütten als Selbstbedienungshütten eingestuft.

Selbstbedienungshütten mit Proviant: Diese Hütten sind nicht bewirtet. Vom Süden bis ca. in die Mitte Norwegens, haben die Hütten einen kleinen Vorratsraum, in dem man einfachste Dinge wie Kaffee, Büchsennahrung usw. kaufen kann.

Selbstbedienungshütten ohne Proviant: Ab der Mitte Norwegens bis in den Norden, entfällt der Vorratsraum in den Hütten. Alle Hütten haben einen Holzofen, einen Gasherd, ein Plumpsklo und sind meist in der Nähe von fliessendem Wasser. Mehr Infos zum Hüttensystem: www.deutsch.dnt.no / Karte: www.ut.no

Das ganze System erlaubt es, einfach draufloszuwandern, von Hütte zu Hütte zu gehen und in die fantastische, norwegische Landschaft in ihrer ganzen Pracht einzutauchen. Und dies alles sowohl für Anfänger wie Fortgeschrittene!

ACHTUNG: Im Moment herrscht überall eine Reservationspflicht in den Hütten und auch sonst sind einige Massnahmen zur Eindämmung der Corona Pandemie getroffen worden. Unbedingt vorher informieren!

Von TRAVELIKI-Mitglied Martin Kettler (Reiseblog: norgepalangs2013.com)

Lese-Tipps