teilen

Das erste Mal in Norwegen

Von TRAVELIKI-Mitgliedern Martin Kettler (Reiseblog: norgepalangs2013.com)

Wer sich vielleicht das erste Mal mit dem Thema Norwegenreise befasst, Reiseberichte liest, im Internet stöbert und sich in Nordlandforen tummelt, der stösst in der Regel zuerst auf zwei Begriffe: Atemberaubend und teuer! Wobei sich sogar viele einig sind, Norwegen ist atemberaubend teuer!

Das «atemberaubend» bezieht sich aber natürlich auf Norwegen als Land und seine unglaublich schöne Landschaft, seine Vielfältigkeit und seine Lage am nördlichen Ende Europas. Die schiere Vielfalt des Landes, seien es die Küsten im Süden, die Fjorde und Berge im Südwesten, die Moorlandschaft in der Mitte, die aussergewöhnlichen Inselgruppen Lofoten und Vesterålen, oder die unendlichen Weiten der nördlichen Tundra mit seiner Einsamkeit und Ausgesetztheit des äussersten Nordens. Norwegen macht es uns nicht einfach, sich bei der Reisewahl zu entscheiden, wohin man gehen möchte. Denn, die für europäische Verhältnisse, unglaubliche Ausdehnung über mehr als 3000 Kilometer, kann sehr schnell zum Reisestress ausarten, wenn man möglichst viel sehen und erleben möchte. Also sollte man sich beim ersten Mal entscheiden, in welche Teilregion es geht und… man wird so oder so wiederkommen!

Natürlich stellt sich als Erstes die Frage, ob es reines Sightseeing, Aktivferien oder ein bisschen Abenteuer sein soll. Denn je nach Schwerpunkt wird sich sehr schnell auch das dafür idealste Fortbewegungsmittel eruieren lassen und das wird uns gleich zum zweiten Begriff führen: Teuer! Wenn selbst Schweizer/innen beim Anblick von Preisschildern leer schlucken, dann gehen bei vielen die Warnlampen an. Ja, Norwegen ist kein Billigland, aber mit etwas Umsicht und Vorsicht, wird man auch den Angriff auf den Geldbeutel relativ unbeschadet überstehen.

Reiseart

Fliegen: Mit dem allgegenwärtigen, grossen Thema Klimawandel nicht mehr unbedingt die erste Wahl bei vielen Menschen. Doch die Reise z.B. nach Nordnorwegen bedeutet alternativ, einige tausend Strassenkilometer abzuspulen, was enorm viel Zeit beansprucht. Die Flüge nach Norwegen sind erschwinglich und mit kleineren Fluglinien werden sogar die abgelegensten Orte erreichbar. Die Inlandflüge können sehr gut direkt am Flugplatz wie ein Busticket gelöst werden.

Auto: Wer mit dem eigenen Auto, Bus oder WoMo nach Norwegen fährt, sollte leidenschaftlicher Fahrer sein, denn es werden viele, z.T. einige tausend Kilometer zusammenkommen. Die Spritpreise sind sehr happig (obwohl die staatliche Statoil Company zu den drei grössten Oelförderern der Welt gehört!). Hingegen kann nirgendwo auf der Welt so sparsam Auto gefahren werden wie hier. Das Tempolimit 80 km/h ist Standard und somit sinkt der Spritverbrauch deutlich.

Viele Strassen sind an der Küste sehr kurvig, 300 Kilometer müssen daher schon als eine Tagesreise angesehen werden. Das Land der Geschwindigkeitskontrollen verteilt horrende Bussen und so können 20 km/h zu viel auch schon mal auf dem Polizeiposten enden. Entschleunigung ist hier automatisch Programm.

Tipp: Ein Auto oder einen Camper in Norwegen zu mieten, ist enorm teuer! Sehr empfehlenswert ist es, im Voraus schon entweder in Deutschland, Dänemark oder Schweden das Fahrzeug zu mieten, was gut und gerne die Halbierung des Preises ausmachen kann! Wer z.B. auf die Lofoten reisen möchte, kann nach Kiruna/Schweden fliegen und dort ein Auto mieten. Distanz Kiruna-Lofoten: ca. 350 Km.

Bus/Bahn: Nachdem Norwegen den öffentlichen Verkehr über Jahre beinahe «eingestampft» und vernichtet hatte, ist mit dem Klimawandel ein deutliches Umdenken gekommen. Der ÖV wurde in den letzten Jahren wiederbelebt und wird permanent weiter ausgebaut. Busse fahren zu sehr günstigen Preisen mittlerweile wieder fast überall hin, auch auf der Langstrecke. Achtung: Während den Schulferien werden oft Haltestellen oder Linien nicht bedient, unbedingt im Voraus planen. Die norwegische Bahn, deren Streckennetz sich nordwärts bis nach Fauske/Bodø erstreckt, hat sehr viel Sightseeing Charakter. Weltberühmt ist die Bergenbahn von Oslo nach Bergen. Die Fahrpreise sind bezahlbar und wer gerne Zug fährt, die Seele baumeln lassen möchte, ist hier sicher richtig. Der äusserste Norden hat keine Eisenbahnverbindung mehr. Ausnahme: Die Erzbahn vom schwedischen Kiruna an die norwegische Küste nach Narvik.

Schiff: Wer kennt sie nicht aus all den Ferienprospekten, die Bilder der rot weissen Postschiffe der Linie Hurtigruten oder die altehrwürdige Schwarz/Weisse «Lofoten», der ersten Generation Postschiffe? Von Bergen aus startend, der gesamten Küste entlang, bis fast an die russische Grenze nach Kirkenes fahren diese grossen Passagierschiffe nahe der Küste entlang und stoppen an vielen Orten. Oft wurden sie etwas respektslos als «Seniorentanker» bezeichnet, da das Publikum eher der älteren Generation angehört. Doch hier muss man klar relativieren. Heute gehen auch sehr viele junge Leute an Bord, um die Langsamkeit, die Ruhe des Meeres und die fantastische Küstenkulisse zu geniessen.

Tipp: Wer sich, statt die zum Teil etwas langweilige Autostrasse E6 im Inland zu wählen, an die alten und schmalen Küstenstrassen hält, hat das grosse Vergnügen, zum Teil dutzende Male die Fahrt mit kleinen Autofähren zu unterbrechen, um so viel tiefer in die Landschaft einzutauchen.

Fahrrad: Der Fahrradboom hat auch in Norwegen Einzug gehalten. Gerade die Längsdurchquerung durch das ganze Land (2700 km/ca. 3-4 Wochen), wird immer populärer. Wer sich nicht scheut, an der Küste, teilweise mit Gegenwind, immer wieder viele Höhenmeter von Fjord zu Fjord zurückzulegen, dem bietet sich hier schon fast ein Abenteuer an. Auch die Mountainbiker/innen kommen sehr wohl auf ihre Rechnung, doch sollte man sich gut über die erlaubten Möglichkeiten informieren. Die National Pärke sind alle geschlossen für Fahrräder und es gibt auch Wild- und Naturpärke, in denen das Zweirad nicht gestattet ist.

Zu Fuss: Ganz klar mein persönlicher Favorit. Kaum ein Land bietet so viele Möglichkeiten an Tages- Mehrtages- oder sogar Wochentouren an. Das Wanderwegnetz ist hervorragend ausgebaut, über 550 Hütten des norwegischen Wanderverbands DNT und unzählige private Hütten und Herbergen säumen das Land bis in die entlegensten Gebiete. Von sehr gut ausgebauten Tracks, bis zum weglosen Fjellwandern, ist hier alles möglich. Hektik, überlaufene Wege sucht man hier, ausgenommen von ein paar wenigen Ausnahmen in den bekannten Nationalparks, beinahe vergeblich. Wer Einsamkeit liebt, wird sie hier finden! Mehr Details zum Wandern im Artikel «Fernwandern in Norwegen».

Reisezeit

Wer Schnee und Kälte, dazu Polarlichter und viel Dunkelheit liebt, der wird sich vielleicht bald auf «Wanderskis» durch die nordische Tundra wiederfinden. Mit speziellen Skis, eine Mischung aus alpinen Tourenskis und Langlaufskis, mit Lederschuhen, einem Rucksack auf dem Rücken oder einen Schlitten (Pulka) hinter sich herziehend, mit Zelt oder von Hütte zu Hütte unterwegs… hier ist 100% Abenteuer drin!

Der Frühling ist die wohl am wenigsten besuchte Zeit in Norwegen. Die Fjells liegen z.T. noch meterweise unter Schnee, einige Strassenpässe sind noch geschlossen und viele touristische Angebote sind ebenfalls noch nicht in Betrieb. Der Frühling kann je nach Provinz und Höhenlage ohne weiteres bis anfangs Juni dauern.

Ab dem 21. Juni, dem längsten Tag des Jahres (Mittsommer) beginnt überall im Land der Sommer (ob er nun da ist, oder nicht!). Die Schulferien beginnen und die Norweger/innen packen ihre sieben Sachen und gehen in ihre Fjellhütten. Der Sommer lebt vom 24-stündigen Tageslicht, der Mitternachtssonne und dem «Friluftsliv», das Draussen sein und geniessen.

Der Herbst gehört den Naturliebhabern, die zu Tausenden in die farbenfrohen Fjells strömen, wandern und die nach der ersten Frostnacht mückenfreie Natur geniessen. Es ist auch die Zeit, in der die Norweger/innen ihre Rucksäcke packen und mit der ganzen Familie und Freunden mit Wanderausrüstung unterwegs sind.

Die Norweger/innen

Oft als eher zurückhaltend, unnahbar und introvertiert tituliert, verbirgt sich ein grosses Herz und grosse Lebensfreude in den Menschen. Sie mögen in der Regel keine Menschen mit aufdringlichem Geltungsdrang und lassen es jene auch spüren. Doch wer ihre Herzen erobert, wird eine riesengrosse Hilfsbereitschaft, Offenheit und auch grosses Interesse am Gegenüber spüren.

Norwegen funktioniert in den allermeisten Dingen wie Mitteleuropa. Es gibt kaum Unterschiede im täglichen Leben. Einen Kulturschock sucht man in Norwegen also ziemlich sicher vergebens.

 

Von TRAVELIKI-Mitglied Martin Kettler (Reiseblog: norgepalangs2013.com)

Lese-Tipps