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Bei den Wüstenelefanten im äussersten Norden Namibias

Wir befinden uns kurz vor Palmwag, im Nordwesten Namibias. Es ist das sogenannte „Kaokofeld“, ein 50`000 Quadratkilometer grosses Gebiet, etwas grösser als die Schweiz und wie von einem anderen Stern. Unendlich weit, einsam und atemberaubend schön. Hier gibt es wenig bis keine Infrastruktur und das Kaokofeld ist deshalb eines der wenigen echten Wildnisse die es noch gibt.

Heute steht uns noch eine Kontrolle am Veterinärzaun bevor. Es ist nicht erlaubt, rohes Fleisch in den Maul- und Klauenseuche-freien Bereich Namibias mitzubringen. Auf der Karte Tracks for Afrika ist dieser Zaun eingezeichnet.

Nach der Kontrolle fahren wir nordwärts nach Sesfontein, zum Dorf der sieben Quellen. Erst gestern haben wir an einem kleinen Fluss mitten in der Wüste übernachtet und nun schlängeln wir uns durch das sandige Flussbett des ausgetrockneten Hoanib River. Unser Ziel sind die Wüstenelefanten des südlichen Kaokovelds. Ein paar Tage möchten wir uns in dieser abgelegenen Einöde aufhalten. Dazu haben wir uns erst kürzlich im einzigen Supermarkt in Sesfontein mit Proviant eingedeckt, Diesel und Wasser gebunkert, sowie den Druck unserer Reifen auf 1,5 Bar reduziert. Das ist auch zwingend notwendig, denn die tiefen Fahrrillen des weichen Sandes bedingen ein Mehrfaches an Spritverbrauch.

Neben unserer Piste türmt sich dunkles Schiefergestein bis zu 40 Meter hoch und dazwischen klemmt sich eine nur wenige Meter breite Fahrspur. Kaum wird das Flussbett breiter, erspähen wir die ersten Springböcke, Paviane, Oryxantilopen und Giraffen. Seit Stunden fahren wir schon durch diese abgeschiedene Wildnis, nur von den Elefanten ist bisher nichts zu sehen.

Als die Schatten immer länger werden, erspähen wir endlich den ersten Dickhäuter hinter einem großen Ana-Baum, einer Pflanze, die erst zum Anfang der Trockenzeit ergrünt . Ein einsamer Bulle beäugt uns kritisch, bleibt aber auf Distanz und verschwindet schließlich im dichten Unterholz. Wüstenelefanten sind schlanker als Savannen Elefanten. Damit sie nicht im tiefen Sand einsacken, haben sie breitere Fußsohlen. Vor allem unterscheiden sie sich durch ihr Verhalten: Am Tag legen sie bis zu 70 Kilometer auf der Suche nach Wasser und Nahrung zurück, im Krüger National Park in Südafrika bewegen sich Elefanten gerade mal zehn Kilometer weit. Bis zu vier Tage können die Elefanten der Namib-Wüste ohne Wasser auskommen, gewöhnliche Elefanten benötigen jeden Tag bis zu 160 Liter.

Im Flussbett zu campen ist strengstens untersagt, da dies die natürliche Durchgangsroute der Tiere ist, und diese soll natürlich nicht durch Fahrzeuge versperrt werden. Somit fahren wir die Böschung hoch und suchen auf der Anhöhe einen geeigneten Übernachtungsplatz mit guter Rundumsicht. Insgeheim hoffen wir, dass wir hier erneut ein paar der seltenen Wüstenelefanten zu Gesicht bekommen.

Als wir gemütlich beim Abendessen im Landcruiser sitzen – es gibt ein feines Pilzrisotto mit Erbsen – da trompetet es keine zehn Meter neben unserem Fahrzeug. Mir bleiben die Kugellager im Halse stecken, als sich wie aus dem Nichts die Leiber von vier Elefanten aus den Büschen schälen.

Fasziniert schauen wir aus dem Fenster den grauen Riesen beim Fressen zu, während wir ein paar Meter entfernt ein Gläschen Wein trinken. Im Gegensatz zu den Nationalparks kann man hier rund um das Flussbett überall sein Camp aufstellen und steht so mitten in der Tierwelt.

Vor 80 Jahren lebten etwa 3000 Wüsten-Elefanten im Nordwesten Namibias. Infolge illegaler Jagd nahm ihre Zahl in den 1980er-Jahren auf etwa 300 ab. Mittlerweile hat sich die Population wieder auf ca. 600 erhöht. Wüsten-Elefanten leben ausschließlich in der Namib-Wüste

Am nächsten Morgen werden wir erneut vom Trompeten der Elefanten geweckt. Immer wieder sind wir erstaunt, wie sich diese klugen Tiere unter den harschen Bedingungen der lebensfeindlichen Wüste zurechtfinden. Wüstenelefanten riechen selbst kleinste Mengen Wasser. In den trockenen Flussbetten bohren sie tiefe Löcher, um zu trinken. Dadurch können sie selbst bei großer Trockenheit überleben und ermöglichen somit auch andern Tieren, an Wasser zu kommen.

Nur die Leitkuh weiß, wo die wenigen Wasserquellen zu finden sind. Nahrung ist knapp und die Hitze unerträglich, für Jungtiere könnte die nächste Wasserstelle schon zu spät kommen.

Zusätzlich haben Wüstenelefanten, eine Unterart des afrikanischen Elefanten, eine andere faszinierende Eigenschaft um eine versteckte Wasserquelle aufspüren. In ihren Füßen sitzen empfindliche Sensoren, die jede noch so kleine Bodenvibration, auch noch in größerer Tiefe, wahrnehmen. Das können zwar mehr oder weniger alle Elefanten, Wüstenelefanten sind hier, auch wegen der deutlich größeren Fußsohlen, besonders gut dafür geeignet. Auch die Fortbewegung in dem weichen Sand wird dadurch deutlich leichter.

Seit drei Tagen hüpfen wir von Schlagloch zu Schlagloch. Wir befinden uns am Rande der Skelett-Küste und den ganzen Tag ist uns kein Auto, geschweige eine Menschenseele begegnet. Die Piste nach Purros zum Huarusib Canyon ist nicht einmal auf der Karte eingezeichnet. Es gibt keinen Flugplatz, keine Lodge und keinen McDonald. Dafür steht man an einem dieser seltenen und besonderen Orte dieser Welt, die noch nicht vom Massentourismus heimgesucht wurden.

So öde und leer das Hoanib-Tal auf den ersten Blick auch wirkt, hier verbergen sich noch zahlreiche andere Tiere die in der vermeintlich lebensfeindlichen Wüste ihre Heimat gefunden haben. Immer wieder kreuzt eine Oryx-Antilope oder ein Schakale unseren Weg.

Wir lieben die Stille der Wüste, ihre bizarre Schönheit, die den Blick ungehindert bis zum Horizont schweifen lässt. Es ist Ende der Trockenzeit, tagsüber herrscht eine Backofenglut, abweisend und lebensbedrohlich. Doch kaum kommen in der Regenzeit ein paar Regentropfen, kann sich diese rotgoldene Sandwüste aus ockerfarbenem Nichts in einen Blütenteppich verwandeln.

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